Der Aderlass oder die Phlebotomie ist eine der bedeutsamen Therapieformen des Mittelalters.

Mit spätantik-byzantinischen Quellen liegen bereits in der Zeit vor der Medizinschule von Salerno (10.–13. Jhd.) mehrere Schriften über den Aderlass vor. Die bekannteste ist die Phlebotomia Hippocratis, eine pseudo-hippokratische Schrift, vermutlich aus dem 8. Jhd. Im 14. Jahrhundert liegt eine Unmenge von Veröffentlichungen vor, deren Inhalt in die Aderlassbüchlein einging, die der Praktiker auf seine Krankenbesuche mitnahm. Der Aderlass als Therapieform unterlag einer komplexen Theorie zur Therapie. Blut-Entnahmestellen wurden als Lass-Stellen definiert. Sogenannte Lass- Männchen erleichterten dem Praktiker das Auffinden der richtigen Stellen, die auf Organe und Regionen bezogen waren. Grundlegendsystemische Theorie war Galens Humoralpathologie. Es gab Listen mit sogenannten »Verworfenen Tagen«, an denen kein Aderlass durchgeführt werden durfte. Die Indikationsstellung war breit. Besondere negative Bedeutung erhielt der Aderlass im Rahmen der mittelalterlichen Pestepidemien, da die Menschen körperlich und abwehrmäßig noch mehr geschwächt wurden.

Der Verdienst und geschichtliche Erfolg von Samuel Hahnemann mit seinem homöopathischen Ansatz wird u. a. auf sein Engagement gegen den Aderlass zurückgeführt. In der modernen Medizin wird der Aderlass nur bei wenigen Erkrankungen durchgeführt, wie bei der Eisenspeicherkrankheit (Hämochromatose), bei Wasser in der Lunge (beginnendes Lungenödem) oder bei einer drohenden Harnvergiftung (Urämie).

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