Menschliches Leiden zu überwinden und Krankheiten nach Möglichkeit vorzubeugen war der Antrieb der Schulmedizin in der zweiten Hälfte des 19 . Jahrhunderts.

Die Erfolge, die sie in immer kürzeren Abständen vorzuweisen hatte, führten dazu, dass man die Ärzte bald schon als die sprichwörtlichen »Halbgötter in Weiß« verehrte. Alles, was wir heute leisten können, baut wesentlich auf den wissenschaftlichen Fundamenten auf, die damals gelegt wurden, auf Entdeckungen, die dann bislang undenkbare Behandlungen ermöglichten. Chirurgen waren damals die Stars der Medizin. Operationen, die um 1900  bereits zur alltäglichen Praxis gehörten, wären sechzig oder siebzig Jahre zuvor schon allein deshalb undenkbar gewesen, weil es kaum Möglichkeiten der Anästhesie gab. Äthernarkosen oder Kokain zur Betäubung kamen erst ab Mitte des 19 . Jahrhunderts langsam auf. …

Vier betäubende Substanzen waren es, durch deren Einführung in die klinische Praxis die Anästhesie im 19 . Jahrhundert einen großen Aufschwung erfahren hatte. Die Sterberate nach Operationen ließ allmählich nach. Außer dem Äther waren das Lachgas und Chloroform sowie Morphium, das aus dem schon länger bekannten Opium extrahiert wurde. Dessen berauschende Wirkung schätzten die Asiaten, insbesondere die Chinesen, zuerst. Seit den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurde daraus Morphium zu medizinischen Zwecken von dem Darmstädter Pharma-Unternehmen Merck in größeren Mengen produziert und vertrieben. Eingesetzt wurde es vor allem als schmerzstillendes Mittel bei Neuralgien, Krebs und Rheumatismus sowie therapieunterstützend bei Herzerkrankungen, Verdauungsstörungen und neurologischen oder psychischen Leiden. Die Suchtgefahr, die das nach sich zog, blieb anfangs unbeachtet. Auf dieses Problem stießen die Ärzte erst mit den Erfahrungen, die sie im Laufe der Anwendung sammelten.

Was zunächst und nahezu ausschließlich zählte, war die schmerzstillende Wirkung der Präparate. Zur Anästhesie, das heißt als Anästhetikum, gebrauchten die Ärzte Morphium etwa ab 1860, wenn auch nicht so oft wie die bis dahin üblichen Äther- und die Lachgas-Masken. Wurden diese Substanzen inhaliert, entfalteten sie sehr schnell eine betäubende Wirkung. Mit der Entdeckung der Narkosemittel erweiterten sich die Möglichkeiten der Chirurgie in einem bis dahin unvorstellbaren Maße. Umfangreichere chirurgische Eingriffe wie komplexe Magen-Darmoperationen wurden durch diese Form der Bewusstseinsausschaltung und des künstlichen Schlafes überhaupt erst möglich. Dabei stellte sich allerdings auch schnell heraus, dass die Vollnarkose für den Patienten stets mit dem Risiko verbunden war, nicht wieder zu erwachen. Doch selbst dieses Problem sollte die medizinische Forschung bald in den Griff bekommen. Noch vor der Wende zum 20 . Jahrhundert wurden Kokainlösungen zur Regional- und Lokalanästhesie eingesetzt. Der bedrohliche Zustand totaler Bewusstlosigkeit musste sehr viel seltener herbeigeführt werden. Die Anästhesie erlaubte nunmehr auch tiefere chirurgische Eingriffe, weil man durch die Narkosedauer Zeit für komplizierte Operationen gewann. Zugleich stiegen die Chancen postoperativen Überlebens nach aufwändigen Eingriffen mit der Einführung der Bluttransfusion. Voraussetzung dafür war die Entschlüsselung des Blutgruppensystems 1901  gewesen. Gut zwei Jahrzehnte später beherrschte man Verfahren zur Konservierung des Spenderblutes, so dass eine Bevorratung sowohl für Routine- als auch für Notfalloperationen möglich wurde, wodurch immer mehr Erkrankungen chirurgisch geheilt werden konnten.

Bilder: Ancient medical equipment: © rook76 – stock.adobe.com, old-style syringes: © Oleg Zhukov – stock.adobe.com