Adipös durch zu viele Firmicutes-Bakterien? Depressiv wegen der Abwesenheit von Coprococcus? Die symbiotische Beziehung zwischen Darmflora und uns Menschen wird seit kurzem intensiv erforscht und liefert erstaunliche erste Erkenntnisse. Möglicherweise lassen sich künftig Gesundheitszustände von Bakterienkolonien ableiten und durch diese beeinflussen. 

Ein individueller Fingerabdruck aus Mikroorganismen

Das Mikrobiom („mikros“ = klein, „bios“ = Leben) bezeichnet die Gesamtheit der den Menschen besiedelnden Mikroorganismen. Durch die besondere Relevanz für unsere Gesundheit sind damit meistens die Darmbakterien (oder auch Darmflora) gemeint. Das Mikrobiom im weiteren Sinne umfasst alle Bakterienstämme auf der Haut, in Nase- und Mundhöhle oder der Genitalorgane. In der engen Wechselwirkung zwischen Bakterienflora und Wirt entstehen immer neue Sub-Kulturen und Mutationen. Zudem wird vermutet, dass die Mikroflora komplexe und vielschichtige Beziehungen zu Stoffwechselprozessen hat. Geprägt wird das Mikrobiom vermutlich u.a. durch die Art der Geburt, die frühkindlichen Ernährung, Lebensstil, Genetik, Geschlecht, geografische Verhältnisse, Ernährung, Hygienebedingungen, Reisen und Medikamenteneinnahme.

Die innere Bakteriengemeinschaft als Abbild unseres Lebens

Das Mikrobiom spielt bei der Entstehung bestimmter Erkrankungen wohlmöglich eine wesentliche Rolle. Wie und welche ist schwierig zu ermitteln, da die o.g. Einflüsse die Zusammensetzung der Arten einzigartig gestalten und diese ständig in Veränderung sind. So unterscheidet sich die individuelle Kombination nicht nur von Mensch zu Mensch – die einzelnen Bakterienspezies entwickeln sich im Darm ihres Menschen ein Leben lang weiter und mutieren zu weiteren Subpopulationen. Ursache und Wirkung sind dabei oft schwer zu unterscheiden: War zuerst die Flora im Ungleichgewicht und hat eine Krankheit herausgebildet? Oder hat die Erkrankung die Flora beeinflusst? Der Mensch wird also einerseits durch sein Mikrobiom geprägt, es bekommt andererseits von außen einen ganz persönlichen Charakter.

Dysbalance von Darmflora macht krank?

Was ist ein gesundes Mikrobiom? Darüber sind sich die Experten noch nicht einig. Die Forschung zur genauen Funktionsweise des Mikrobioms steckt nämlich noch in den Kinderschuhen. Oft sind gefundene Effekte klein und widersprüchlich. Obendrein sind Humanstudien rar und 60 Prozent der Bakterien noch unbekannt. Forschende versuchen dennoch seit einigen Jahren herauszufinden, inwiefern Zusammenhänge zwischen der Besiedlung, Anzahl und dem Verhältnis verschiedener Bakterienstämme und dem Auftreten von Krankheiten bestehen. Untersucht werden dabei Zivilisationskrankheiten wie Diabetes mellitus, Adipositas, Depression, chronisch entzündliche Darmerkrankungen oder kardiovaskuläre Erkrankungen. Die Abwesenheit von Coprococcus-Bakterien oder ein Zuviel von Fermicutes hat zum Beispiel möglichen Einfluss auf die Entstehung von Depression oder Diabetes mellitus. Eindeutiger ist der schlechte Einfluss von zu häufigem Antibiotika-Einsatz, insbesondere im Kindesalter, da dies die Balance empfindlich stört und Bakterienkulturen sich über etwa ein halbes Jahr nach Einsatz wiederaufbauen muss.

Fundierte Ableitungen im Einzelfall schwierig

Die Analyse der Darmflora und die Ableitung von fundierten Ernährungs- und Handlungsempfehlungen ist daher schwierig. Stuhltests haben in der Gastroenterologie dennoch ihren Platz in der Krebsvorsorge oder in der Diagnostik von pathogenen Erregern. Bestimmte bakterielle Verschiebungen lassen bei Einzeltests allerdings keine klare Herleitung von chronischen Erkrankungen zu. 

Ein perfektes Paar – wohliges Darmmilieu und gemütliche Bakterienkulturen

Eher unstrittig sind Funktionen der Bakterien bei der Aufnahme von Nährstoffen ins Blut oder die Optimierung der Fett- und Gallensäure-Stoffwechsel. Zudem sind Dickdarmbakterien zuständig einen Teil der Ballaststoffe abzubauen, die der Mensch sonst nicht verwerten könnte. Außerdem beteiligen sich bestimmte Bakterien bei der Entwicklung des Immunsystems und machen Giftstoffe und Krankheitserreger unschädlich. Dafür bietet der Darm ihnen einen angenehmen Wohnort in einem wohltemperierten Milieu mit ausreichend Nahrung. 

Mögliche positive Beeinflussung durch pflanzenbasierte Ernährung

Eine vollwertige pflanzenbasierte Ernährungsweise fördert gesunde und stabile Darmbakterien, so ein Bericht, der in „Frontiers in Nutrition“ veröffentlicht wurde. Die erhöhte Aufnahme von Ballaststoffen und anderen pflanzlichen Komponenten, die mit einer pflanzlichen Ernährung in Verbindung gebracht werden, erhöhen das Wachstum von nützlichen Bakterien, die das Risiko von Entzündungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verringern. Die Ballaststoffe erhöhen auch die kurzkettigen Fettsäuren, was mit einer verbesserten Immunität und Darmfunktion verbunden ist. Diese Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Ernährung zur gesunden Vielfalt der Mikrobiome beiträgt, und eine pflanzliche Ernährung ein wirksames Mittel ist, um eine optimale Darmgesundheit zu gewährleisten.

Quellen:

Ärzteblatt, o.A.: Fachgesellschaft rät von Bestimmung des Darm-Mikrobioms ab, Sept 2018 zuletzt eingesehen am 7.6.2019 https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/97788/Fachgesellschaft-raet-von-Bestimmung-des-Darm-Mikrobioms-ab

Tomova A, Bukovsky I, Rembert E, et al. The effects of vegetarian and vegan diets on gut microbiota. Front Nutr. zuletzt eingesehen am 7.6.2019 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/31058160

Ming-Wun W, Chih-Hsun Y, Tso-Tsai L, et al: Impact of vegan diets on gut microbiota: An update on the clinical implications

Zuletzt eingesehen 7.6. 2019 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6172896/

Burger K: Was Darmbakterien wirklich können, Zuletzt eingesehen 7.6. 2019 https://www.spektrum.de/news/was-darmbakterien-wirklich-koennen/1435188