Yin und Yang. Nicht die Versteifung auf das Trennende, sondern das Wissen um das ständige Sich-Ineinander-Verwandelnde hat es den Ärzten ermöglicht, Leid abzuwenden, wo und wann immer. Wer sich darauf beschränkt, partiell zu behandeln, kann reparieren, oftmals durchaus erfolgreich; heilen kann er nicht. Das erlaubt erst die Berücksichtigung unseres existentiellen Dualismus, aus dessen Ausgewogenheit sich wiederum das innere Gleichgewicht, die gefühlte Gesundheit ergibt.

Die Grundlagen der chinesischen Medizin fußen seit mehr als 4000 Jahren auf philosophischen Reflexionen im Rahmen des Yin-Yang-Systems.

Das weiße Yang steht dabei für hell, hart, heiß, männlich, aktiv und bewegt, während dem schwarzen Yin die Attribute dunkel, weich, kalt, weiblich passiv und ruhig zugeordnet werden. Befinden sich die beiden Komponenten des Lebens in der Waage, dann fühlt sich der Mensch gesund. Aus dem psychischen ergibt sich das leibliche Wohlbefinden. Yin und Yang gleichmäßig fließen zu lassen, ist das Bestreben jedes Körpers. Alles wird den Gegenpolen zugeordnet, auch jede Erkrankung oder Therapie, seien es Heilpflanzen, Massagen, Bewegungsmeditationen oder Akupunktur – materiell dem Yin und energetisch dem Yang. Besteht zwischen beiden eine Disharmonie, so führt das zu einem Verlust der Lebensenergie »Qi«. Heute würden wir sagen, die Abwehrkräfte sind beeinträchtigt, der Mensch wird anfällig für Krankheiten. »Schmerz ist der Schrei des Qi nach freiem Fluss«, lehrt ein altes chinesisches Sprichwort, wobei das Qi dem Körper und der Psyche ebenso innewohnt wie der Natur insgesamt. Ob es sich tatsächlich so verhält, konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Vielleicht handelt sich nur um ein Narrativ, um den Versuch einer einleuchtenden Erklärung des vorerst Unerklärlichen. Eine naturwissenschaftlich fundierte Erläuterung des Funktionszusammenhangs fehlt nach wie vor. Ohne Bedenken darf man hier weiterhin von einem ungelösten Geheimnis der Weltmedizin sprechen.

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